Es ist eine Mär, dass steigende Lebensmittelpreise den Bauern zugutekommen – für manche Produkte wie Weizen erhalten sie real kaum mehr als vor Jahrzehnten. Den größten Gewinn machen stattdessen große Lebensmittelkonzerne und Spekulanten an den globalen Rohstoffbörsen. Dies alles führt zu einer problematischen Schieflage auf dem weltweiten Lebensmittelmarkt.

Die Lebensmittelpreise sind in Deutschland wie weltweit in den vergangenen 50 Jahren deutlich gestiegen – verursacht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. In der öffentlichen Debatte dominiert jedoch häufig ein einfaches Deutungsmuster: Die Landwirte geben ihre gestiegenen Kosten – etwa für Dünger – durch höhere Erzeugerpreise an die Verbraucher weiter. Die Bild-Zeitung befeuerte die Diskussion am 25. April mit der Frage: „Kostet einfaches Mischbrot bald 5 Euro?“ – gemäß dem alten Vorurteil: Steigende Kosten bei den Bauern führen automatisch zu höheren Preisen für Verbraucher.

Brot kostet derzeit 3,00 – 5,00 Euro pro Kilogramm 1976, also vor 50 Jahren, lag der Preis umgerechnet bei rund 1,00 Euro pro Kilogramm

Gemäß der oben erwähnten These müsste sich auch der Weizen immens verteuert haben. Tatsächlich liegt der Weizenerzeugerpreis derzeit auf dem Niveau von 1950!

Beispiel Milch und Milchprodukte: Während Joghurt seit 1976 3–5-mal teurer geworden ist, erhält der Bauer für einen Liter Milch nur etwas mehr als doppelt so viel wie vor 50 Jahren.

Wer also macht die Preise und profitiert davon? 

Eine Antwort ist: Der Lebensmittelmarkt ist weltweit sehr stark konzentriert. Im Wesentlichen wird dieser von einem Oligopol von vier großen Lebensmittelkonzernen (die sogenannten ABCD-Konzerne: Archer Daniels Midlands, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus) verwaltet. Ihre dominante Marktstellung erlaubt es ihnen, erheblichen Einfluss auf die globalen Agrarmärkte auszuüben und bei der Aushandlung von Preisen ihre enorme Verhandlungsmacht gegenüber Erzeugern auszuspielen.

Zusätzlich gewinnt auch der Finanzsektor an Einfluss – in diesem Zusammenhang wird häufig von einer Finanzialisierung des Agrarsektors gesprochen. Geopolitische Krisen und Kriege spielen zwar ebenfalls eine Rolle, fungieren jedoch eher als Auslöser und Verstärker von Preisschwankungen, denn als deren grundlegende Ursache. Vielmehr ist es das System, das fehlerhaft ist, wenn Nahrungsmittel an den Rohstoffbörsen vornehmlich als Spekulationsobjekte behandelt werden. 

Die FREIEN BAUERN kritisieren, dass die Landwirtschaft keinen ausreichenden Schutz gegen die zunehmende Marktmacht weniger Konzerne erhält. Die Konzentration im Lebensmittelsektor muss stärker begrenzt und spekulative Investitionen in Agrarrohstoffe durch Finanzakteure wirksamer eingedämmt werden. Zwar sollen die seit 2018 geltenden MiFID-II-Regeln Marktmissbrauch verhindern und eine geordnete Preisbildung sichern - doch Spekulation wurde per Gesetz nie grundsätzlich verboten. Hinzu kommt: Die Rohstoffmärkte sind international organisiert. Wenn nur einzelne Länder streng regulieren, wandert der Handel in andere Jurisdiktionen ab. Daher reichen nationale Maßnahmen allein nicht aus – nötig wären engere Absprachen zwischen EU, USA und anderen Finanzplätzen sowie mehr Kontrolle und Transparenz. Fakt ist: Immer weniger bestimmen Angebot und Nachfrage die Preise, was zu einer problematischen Schieflage auf dem weltweiten Lebensmittelmarkt führt. Was die Bauern in Deutschland und ihre wirtschaftliche Situation betrifft, fordern wir zumindest die Einhaltung des Landwirtschaftsgesetztes, damit sie nicht den globalen Missständen geopfert werden.

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