Reinhard Dehrmann bewirtschaftet 60 Hektar Grünland und hält 50 Mutterkühe sowie Mastrinder der Rasse Limousin in Bahnsen in Niedersachsen

Reinhard Dehrmann bewirtschaftet 60 Hektar Grünland und hält 50 Mutterkühe sowie Mastrinder der Rasse Limousin in Bahnsen in Niedersachsen

Die von verantwortungslosen Wildnis-Ideologen betriebene und von ahnungslosen Natur-Freunden beklatschte Ausbreitung der Wölfe bedroht die artgerechte Weidetierhaltung, demoralisiert die Weidetierhalter und entzieht ihnen mittelfristig die ökonomische Grundlage. Wenn es nicht in absehbarer Zeit gelingt, die Zahl der Wölfe deutlich zu reduzieren, wandert ein wichtiger Teil der Tierproduktion in die Ställe oder ins Ausland mit gravierenden Folgen für Natur und Umwelt. Deshalb müssen alle Bemühungen darauf gerichtet sein, so schnell wie möglich so viele Wölfe wie möglich zu schießen.

Die Ausbreitung der Wölfe folgt überall dem gleichen Muster: Plötzlich ist das edle Raubtier da und wird als Erfolg für den Naturschutz willkommen geheißen. Wenn der Wolf Schafe, Kälber oder Fohlen reißt, sind das bedauerliche Ausnahmen. Möglicherweise war es auch gar kein Wolf. Denn eigentlich ist der Wolf ja scheu und bleibt im Wald. Außerdem werden die Weidetierhalter doch großzügig entschädigt. Und überhaupt, was sind denn das für lotterige Zäune? Der Wolf ist zurück, der Wolf steht unter strengem Schutz, und weil das so ist, müssen die Weidetierhalter und die Menschen auf dem Lande wieder lernen, mit dem Wolf zu leben.

In der Regel folgt dann ein Wolfsmanagementplan. Management erweckt den Eindruck, als würde klug gesteuert. Der Wolf hat viele Arbeitsplätze geschaffen. Experten sammeln Kotproben und werten sie aus. Das ganze nennt sich Monitoring. Am Ende stehen umfangreiche Tabellen, aus denen lässt sich eine Wolfspopulation errechnen, die viel mit Manipulation und wenig mit der Realität zu tun hat. Experten schauen sich gerrissene Nutztiere an und schreiben mehrere Seiten voll. Das ganze nennt sich Rissgutachten. Am Ende steht manchmal eine Entschädigung, die gezahlt wird oder auch nicht, die den tatsächlichen Wert eines Tieres für den Halter aber niemals auch nur annähernd ausgleichen kann. Experten erklären dummen Bauern, wie man Zäune baut, davon verstehen wir ja nichts. Das ganze nennt sich Herdenschutz. Am Ende stehen Zäune, die nirgendwo auf der Welt funktionieren und die den Wolf auch hier nur so lange abschrecken, wie die anderen dummen Bauern nicht ebensolche Zäune gebaut haben.

In all diesen Diskussionen kann man sich leicht verzetteln. So gibt es inzwischen abenteuerliche Theorien, wie Nutztiere vor dem Wolf geschützt werden können, und in die verschiedenen Methoden des Herdenschutzes werden Unsummen an öffentlichen und privaten Geldern versenkt. Aber niemand hat bisher einen eigentlich ganz nahe liegenden Versuch unternommen, nämlich die hinter drei Meter hohen Stahlgittern mit Elektrodraht und Unterwühlschutz eingesperrten Wölfe in einem öffentlichen Wildgehege einfach mal ein paar Tage nicht zu füttern und abzuwarten, was passiert. Wir werden uns wundern, wie "wolfssicher" diese Anlagen sind. Statt dessen läuft in unserer offenen Kulturlandschaft ein anderer Versuch, nämlich die Wölfe auszubreiten und abzuwarten, ob diese sich irgendwann - wenn alle Reviere besetzt sind - selbst regulieren. Ebensogut könnte man Mäuse in einer Speisekammer aussetzen und darauf warten, dass diese sich selbst regulieren. Der Versuch kann nur damit enden, dass wir den Wolf noch sehr gut kennenlernen werden.

Der Wolf ist ein Großraubtier, das jeden Tag drei Kilo Fleisch frisst und sich jedes Jahr um ein Drittel vermehrt. Der Rest ist Biologie und Mathematik. Jeder, der uns weißmachen will, der Wolf ließe sich in unserer Kulturlandschaft auf andere Weise managen als mit dem Gewehr, hat entweder kein Wissen über die Natur oder lügt.

Das Lügen beginnt schon mit den Formulierungen: Wir Weidetierhalter sollen wieder (!) lernen, mit dem Wolf zu leben. Das ist unmöglich. Weidetierhalter haben nie mit dem Wolf gelebt. Als es hier noch Wölfe gab, gab es keine Weiden, sondern Hutungen. Die Nutztiere wurden von bewaffneten Hirten durch die Wildnis gehütet, um sich Futter zu suchen, abends wurden sie im Dorf in einen Pferch gesperrt. Im 19. Jahrhundert, zeitgleich mit der Ausrottung der Wölfe, wurden diese Flächen aufgeteilt und kultiviert und es entstanden Viehweiden. Die Bauernbefreiung, der Übergang von der Dreifelderwirtschaft zur Fruchtwechselwirtschaft, der Übergang von der Hütewirtschaft zur Weidewirtschaft: all das hat dafür gesorgt, dass die Erträge sich in kürzester Zeit mehr als verdoppelt haben, komplett ökologisch, ohne Chemie. Hungersnöte in Europa waren damit Geschichte, zumindest so lange man vernünftig blieb und keinen Krieg führte. Die Entwicklung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert war eine großartige Kulturleistung und ein wesentliches Element dieser Kulturleistung war die Ausrottung der Wölfe. Jedenfalls hat es Wölfe und Weidetierhaltung gleichzeitig nie gegeben, und deshalb können wir Weidetierhalter auch nicht wieder lernen, mit dem Wolf zu leben.

Dann sollen eben wir Menschen auf dem Lande wieder (!) lernen, mit dem Wolf zu leben. Wieder? Na gut, - dann wollen wir uns mal daran erinnern, wie unsere Vorfahren vor dessen Ausrottung dem angeblich so faszinierenden Raubtier begegnet sind: Mit Giftködern und Wolfsangeln, mit Pfeil und Bogen, mit Pulver und Blei. Die Menschen vor 200 Jahren haben alles Erdenkliche getan, um die Bestie umzubringen. Anderslautende historische Berichte aus der Zeit vor der Ausrottung der Wölfe sind mir nicht bekannt. Der erste ignorante Großstädter, der Wölfe toll fand, hieß Adolf Hitler, deshalb hat er sein Führerhauptquartier auch Wolfsschanze genannt und sein letztes Aufgebot sollten die Werwölfe sein.

Die ignoranten Großstädter von heute machen den Wolf gern zu einem Symbol für unsere Entfremdung von der Natur. Tatsächlich ist es genau umgekehrt, dass viele Menschen heute zu wenig von der Natur und ihren Zusammenhängen wissen. Ein Bekannter fragte mich kürzlich, warum ich mich aufrege: Die paar Wölfe in dem riesigen Bundesland Niedersachsen - das sei doch nichts! Ich bat ihn, sich vorzustellen, dass unter den 300.000 Einwohnern von Hannover 30, nein 3 Triebtäter herumlaufen und keiner dürfte ihnen etwas zuleide tun ... alles in Hannover würde sich ändern. Der Wolf an meiner Weide sei Teil der Schöpfung, wollte mir ein anderer Bekannter nahebringen. Die Kakerlaken in Deiner Küche auch, habe ich ihm geantwortet. Nicht der Wolf ist das Problem, das Problem ist, was Menschen in ihn hinein interpretieren.

Der Wolf ist in unserer satten, naturfernen Gesellschaft zu einem Symbol geworden für die Wiedergewinnung von Wildnis zulasten einer im Zweifelsfall als störend empfundenen Landwirtschaft. Er ist zu einer Jobmaschine für arbeitsscheue Diplombiologen geworden und zu einem Spendenwerbungsmaskottchen für korrupte Naturschutzverbände. Vom Wolf leben inzwischen sehr viele sehr gut.

Und deshalb dürfen wir Weidetierhalter, die auch so schon genug und durch den Wolf noch mehr Arbeit haben, uns nicht abarbeiten in endlosen Diskussionen über Monitoring, Entschädigung oder Herdenschutz. Es ist eine Illusion zu glauben, diejenigen, die uns dabei entspannt gegenüber sitzen, wollten uns verstehen oder gar Lösungen finden. Statt dessen müssen wir uns mit anderen Menschen auf dem Lande zusammen tun und unsere Forderungen artikulieren, gemeinsam mit den Jägern, den Reitern, den Hundehaltern, den Spaziergängern, den Pilzsuchern und den Brennholzmachern und mit allen ihren Freunden. Sicher sind wir direkt Betroffenen eine Minderheit. Um so wichtiger ist es, dass wir endlich laut und deutlich werden, damit wir die Mehrheit derjenigen erreichen, die nach wie vor vernünftigen Argumenten zugänglich sind.

Wir wehren uns gegen immer mehr Wölfe. Wir wollen auch in Zukunft ohne Angst auf dem Lande leben. Wir fordern, große Teile Deutschlands zur wolfsfreien Zone zu machen. Überall, wo Menschen und Weidetiere sind, müssen Wölfe konsequent gejagt werden. Dafür müssen so schnell wie möglich die Voraussetzungen geschaffen werden, alles andere wäre politisch verantwortungslos gegenüber unserem Land, gegenüber der Landwirtschaft und nicht zuletzt gegenüber dem Naturschutz selbst, der in vielen Regionen auf Weidetierhaltung angewiesen ist.