Jeder vierte Bauer leidet unter psychischen Belastungen – viele zögern jedoch, sich Hilfe zu holen. Häufig ist die Sorge, krankheitsbedingt für längere Zeit auszufallen, der Grund, weshalb eine ärztliche Behandlung aufgeschoben wird. Die FREIEN BAUERN sprachen mit Karen Hendrix, die sich bei ihrer therapeutischen Arbeit auf Landwirte in psychischen Krisen spezialisiert hat.
Frau Hendrix, mit welchen Symptomen kommen Landwirte zu ihnen?
Fast alle, die zu mir kommen, haben Depressionen. Vor allem durch Überarbeitung - sie nehmen sich durch die hohe Arbeitsbelastung selbst nicht mehr wahr. Plötzlich bricht dann alles weg, und sie merken, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Einige vernachlässigen ihre Tiere, bei anderen muss der Ehepartner sämtliche Tätigkeiten auf dem Hof übernehmen, weil die Betroffenen nicht mehr können. Mitunter meinen sie, dass es für die Verwandtschaft besser wäre, wenn es sie nicht mehr gibt. Die überlegen dann mehr oder weniger konkret, ob sie sich umbringen sollen. Weil sie das Gefühl haben, den Ansprüchen nicht mehr zu genügen.
Und was wissen Sie über die Ursachen der seelischen Erkrankungen?
Ein Bauer definiert sich stark über seine Arbeit – er wird immer versuchen, das Beste zu geben, um den eigenen Ansprüchen und denen anderer gerecht zu werden. Viele Landwirte, insbesondere in der Altersgruppe zwischen 45 und 60 Jahren, haben den Hof weitergeführt, weil dies der Wunsch der Eltern oder anderer Verwandter war. Die Erwartungen an sie waren so groß, dass sie kaum darüber nachgedacht haben, was sie selbst wollen. Viele hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie zugäben, dass sie in der Landwirtschaft nicht wirklich glücklich sind.
Wer einen Hof übernimmt, tut dies in der Regel nicht, um reich zu werden, sondern um ihn für die nächste Generation zu bewahren. Niemand möchte derjenige sein, unter dessen Verantwortung der Hof aufgegeben wird.
Ein weiteres großes Problem ist die Bürokratie. Gefühlt kommt jede Woche ein neues Gesetz hinzu. Es fehlt an Planungssicherheit. Die Bauern wollen vorausschauend bauen, nehmen hohe Kredite auf, und dann stimmt beim fertiggestellten Stall wegen ein paar Zentimetern etwas nicht. Damit ist die Fortführung des ganzen Hofes infrage gestellt.
Viele Regelungen werden von Menschen gemacht, die keinen Bezug zur Landwirtschaft haben – das belastet die Landwirte erheblich.
Wie geht es weiter, wenn sich jemand bei Ihnen meldet?
Ich versuche am Telefon einen Eindruck zu gewinnen, was genau los ist. Die meisten Menschen schleppen die Probleme schon eine Weile mit sich herum und sind vollkommen am Ende: Sie können nicht mehr schlafen, sind bedrückt, freudlos und haben sich schon zurückgezogen. Und wenn ich merke, dass die bereit sind, sich behandeln zu lassen, sage ich: Haben Sie sechs Wochen Zeit für mich? Ich erzähle von der Klinik und lege den Landwirten nahe, dass sie dort erstmal lernen, wer sie sind und was sie brauchen.
Mehrere Wochen weg vom Hof zu sein – bereitet das vielen nicht große Probleme?
Jeder Landwirt, also jeder Haupterwerbslandwirt, ist Pflichtmitglied in der SVLFG. Sofern die Beiträge entrichtet wurden und die Vorrausetzungen gegeben sind, erhalten die Versicherten umfangreiche Unterstützung.
Bei einem krankheitsbedingten Ausfall des Landwirts wird beispielsweise täglich eine Betriebshilfe gestellt. Übernimmt ein Angehöriger die Arbeit, können die entstehenden Kosten ebenfalls übernommen werden.
Es ist wichtig, sich nach dem Klinikaufenthalt weiter ambulant behandeln zu lassen, sonst fällt man schnell in die alten Muster zurück. Falls man keine ambulante psychotherapeutische Nachsorge findet, besteht die Möglichkeit, für einen begrenzten Zeitraum ein Coaching in Anspruch zu nehmen. Insgesamt gibt es hier zahlreiche Unterstützungsangebote, mit denen ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe.
Nach ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet Karen Hendrix heute in der psychosomatischen Klinik in Simbach am Inn (Bayern), wo es eine spezielle Gruppe für Landwirte gibt. Die psychotherapeutische Medizin für Landwirte liegt Karen Hendrix besonders am Herzen. (Webseite: https://www.psychotherapie-landwirtschaft.de)