Alle reden vom Abbau der Bürokratie, aber keiner macht’s. Zumindest, was die Landwirtschaft betrifft – da wird von den Behörden immer noch nachgelegt. Neue Regelungen, Vorschriften und Nachweisvorgaben zwingen die Bauern an den Schreibtisch und halten sie von ihrer eigentlichen Arbeit auf dem Feld oder im Stall ab.
Nach den neuen Dokumentationspflichten bei der Pflanzenschutzmittelanwendung und der Verpflichtung zur Sachkunde bei der Schadnagerbekämpfung kam Ende Januar Nachricht Nummer drei. Die EU-plant, die Aussaat von chemisch gebeiztem Saatgut als Pflanzenschutzmaßnahme einzustufen. Für Landwirte könnten damit neue zusätzliche Auflagen verbunden sein. Neben mehr Nachweispflichten gegenüber den Behörden müssen Bauern eventuell Schulungen absolvieren oder Sachkundenachweise vorlegen. „Bei den Landwirten handelt es sich um hochqualifizierte Fachleute, die den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln von der Pike auf gelernt haben und dieses Wissen täglich in ihrem Arbeitsalltag anwenden. Leider wird uns ständig Unkenntnis in dem unterstellt, was wir tun,“ sagt Alfons Josef Wolff, Bundessprecher der FREIEN BAUERN Deutschland.
Er hält den Begriff „Bürokratieabbau“ für eine permanente Willenserklärung, vorgetragen von Entscheidungsträgern, die kaum Berührungspunkte mit der landwirtschaftlichen Praxis haben.
Von den Landwirtschaftsministern bzw. den Verantwortlichen in den Agrarressorts aller sechzehn Bundesländer (einschließlich Hamburg, Bremen, Berlin) verfügen tatsächlich nur vier über eine landwirtschaftliche Ausbildung oder bewirtschaften selbst einen Betrieb. Es sind dies Till Backhaus in Mecklenburg-Vorpommern, der Diplom-Agraringenieur ist, Hanka Mittelstädt in Brandenburg, die Agrarökonomie studiert hat und Georg-Ludwig von Breitenbuch in Sachsen, der einen eigenen land- und forstwirtschaftlichen Hof führt. Schleswig-Holsteins neue Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg hat ebenfalls ein Masterstudium der Agrarwissenschaft absolviert.
Während der Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, immerhin ausgebildeter Metzgermeister ist, können die restlichen zwölf Minister bzw. Senatoren in den Bundesländern keine agrarbezogene Qualifikation vorweisen und haben keinen Bezug zur landwirtschaftlichen Praxis.
Die FREIEN BAUERN kritisieren, dass sich Entscheidungen allzu oft an Theorie, Verwaltung und Symbolpolitik orientieren und nicht an der betrieblichen Realität. Die praxisfernen Vorgaben führen zu wachsendem Unmut und sinkender Akzeptanz bei den Landwirten.